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 Die entwickelten Länder befinden sich im demographischen Wandel. Dieser drückt sich in zwei unabhängigen Erscheinungen aus:
- Es werden zu wenige Kinder geboren. Oder anders ausgedrückt: Die gesellschaftliche Reproduktion ist quantitativ nicht bestandserhaltend.
- Es besteht ein negativer Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status bzw. Bildungsniveau und Anzahl der Nachkommen. Oder anders ausgedrückt: Die gesellschaftliche Reproduktion ist qualitativ nicht bestandserhaltend.
Die zweite Erscheinung spielt in der öffentlichen Debatte meist keine oder nur eine untergeordnete Rolle, zumal weit verbreitete Meinungen darin kein Problem erkennen wollen. Beispielsweise schreibt Ralph Bollman in „Lob des Imperiums – Der Untergang Roms und die Zukunft des Westens“ auf Seite 84: „Erst die geringe Kinderzahl altrömischer Senatoren oder moderner Akademiker gibt dem Nachwuchs aus unteren Gesellschaftsschichten Raum für die eigene Karriere.“ Die aktuelle Unterschichtsdebatte zeigt dagegen unmissverständlich: Dies ist nicht der Fall. In der Tat kann gezeigt werden: die qualitative Nichtbestandserhaltung ist von den beiden Erscheinungen des demographischen Wandels das größere Problem.
Die Hauptursache für den demographischen Wandel sind zwei Ereignisse, die nicht voneinander getrennt werden können: Das Aufkommen hormoneller Verhütungsmittel und die Emanzipation der Frauen. Leider spielt auch diese Erkenntnis in der öffentlichen Debatte zum demographischen Wandel nur eine untergeordnete Rolle.
Seit Anbeginn der Menschheit teilen sich die Geschlechter auf eine spezifische Art und Weise die Arbeit: Die Männer gingen zur Jagd bzw. später einer Erwerbsarbeit nach und die Frauen leisteten den größten Teil der sog. Brutpflege, wie die Soziobiologie das Aufziehen von Nachwuchs bezeichnet. Diese Arbeitsteilung wurde durch den Feminismus später als patriarchalisch diskreditiert. Tatsächlich ist sie für den Menschen natürlich, ja sie war sogar biologisch notwendig.
Damit die Passage des im Laufe der menschlichen Entwicklung immer größer werdenden Kopfes von Säuglingen während der Geburt noch möglich war, hat sich die Natur einen Trick ausgedacht: Menschliche Säuglinge kommen als Frühgeburten zur Welt. Während Gazellen-Kinder bereits eine Stunde nach der Geburt laufen können, dauert dies bei menschlichen Kindern üblicherweise ca. ein Jahr und selbst dann sind die Bewegungen noch äußerst unbeholfen. Der Vorteil: Das Gehirn von Kindern kann nach der Geburt noch wachsen und ausreifen. Die Folge dieser biologischen Notwendigkeiten: Frauen waren in Jäger/Sammler-Gesellschaften massiv in ihrer Autonomie eingeschränkt, sie waren auf die verlässliche Unterstützung des Vaters des Kindes angewiesen. Damit eine solche verlässliche Bindung entstehen konnte, hat die Natur weitere, insbesondere das Sexualverhalten betreffende Änderungen eingeführt, die bei anderen Säugetieren in dieser Form nicht existieren. Auch kommen dauerhafte Kernfamilien in der Natur nur beim Menschen vor.
Anthropologen führen neuerdings das Aussterben des Neandertalers auf das Fehlen einer entsprechenden Arbeitsteilung zurück (auch Frauen und Kinder wiesen häufige verheilte Knochenbrüche auf, was auf eine Jagdbeteiligung hinweist).
Grundlage des Patriarchats ist also nicht die spezifische Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern – diese ist menschlich – sondern die Hoheit der Männer über die Ressourcen. Dies galt bis in die nahe Vergangenheit: Der Mann ging zur Arbeit, welche mit Geld vergütet wurde. Mit diesem Geld hatte er dann die Verfügungsgewalt über die Ressourcen. Die Frau erbrachte dagegen ihre Reproduktionsleistungen grundsätzlich kostenfrei, wodurch sie in eine ökonomische Abhängigkeit von ihrem Mann geriet.
Kernanliegen des Feminismus war die Gleichberechtigung der Frauen, die sich insbesondere in einer ökonomischen Unabhängigkeit manifestieren sollte. Es ging also vor allem um die berufliche Gleichstellung von Frauen.
Hierdurch wurden sich gleich mehrere Probleme eingehandelt. Denn zum einen können nun Frauen in einem Beruf erfolgreich sein und sehr viel Geld verdienen. Je höher ihr Bildungsniveau ist, desto mehr verbessern sich ihre beruflichen Chancen. Möchte eine Frau dann trotzdem Kinder in die Welt setzen, werden diese für sie umso teurer, je beruflich erfolgreicher sie ist, denn eventuell muss sie dann auf ihre Karriere ganz oder teilweise verzichten. Diese Kosten nennt man in der Ökonomie Opportunitätskosten. Experten sind sich darin einig: Die hohen Opportunitätskosten von Kindern für beruflich erfolgreiche bzw. gut ausgebildete Frauen sind der Hauptgrund für die geringe Fertilität in Schichten mit hohem sozioökonomischem Status bzw. hohem Bildungsniveau. Für solche Schichten greifen auch viele der familienpolitischen Maßnahmen wie etwa das Kindergeld nicht, da die Anreize im Vergleich zu den Opportunitätskosten viel zu gering sind. In der Folge setzen heute sozial schwache und bildungsferne Schichten deutlich mehr Kinder in die Welt als Schichten mit hohem sozioökonomischem Status bzw. Bildungsniveau. Der Zusammenhang wird in der Literatur als das „zentrale Problem der Soziobiologie“ bezeichnet. Es handelt sich hierbei um eine Verletzung der Evolutionsgesetze. Einige Autoren erwarten deshalb einen allgemeinen Leistungsabfall der dem demographischen Wandel unterliegenden Gesellschaften. Insbesondere könnte die in Deutschland entstehende „Unterschicht“ bereits ein Ausdruck einer entsprechenden Entwicklung sein. Viele angeblich ökonomisch bedingte Entwicklungen könnten in Wirklichkeit eine demographische Ursache haben, denn die Grundlage allen Wirtschaftens ist nicht die Ökonomie, sondern die Bevölkerung.
Auf der anderen Seite ist längst bekannt, dass der Geburtenrückgang in den entwickelten Ländern mengenmäßig weniger auf die zunehmende Kinderlosigkeit, sondern auf das Verschwinden der Mehrkindfamilie zurückzuführen ist. Mehrkindfamilien waren historisch gesehen vor allem in erfolgreichen Bevölkerungskreisen vorzufinden. Denn wer mehr Geld oder Macht hatte, hatte einen stärkeren Zugang zu den Ressourcen und konnte sich folglich auch mehr Kinder „leisten“. Die Gültigkeit dieses Zusammenhangs lässt sich für alle bekannten Jäger/Sammler- und Bauerngesellschaften nachweisen. Bei den südamerikanischen Yamomami etwa haben Häuptlinge mehr Frauen als andere Stammesangehörige und die Häuptlingsfrauen gebären mehr Kinder als Nichthäuptlingsfrauen.
Diese gerade beschriebene Korrelation zwischen sozialem Erfolg und Zahl an Nachkommen („Reproduktionserfolg“) wird auch als das Prinzip der „natürlichen Selektion“ gemäß der Evolutionstheorie von Charles Darwin bezeichnet. Das Prinzip der natürlichen Selektion galt also für alle historischen menschlichen Gesellschaften und es hat ganz nebenbei für das Anwachsen des menschlichen Gehirns binnen 3 Millionen Jahren von 450 g auf jetzt 1.350 g gesorgt.
Die natürliche Selektion ist das Mittel der Natur, um die Anpassungsfähigkeit an die Umgebung und so etwas wie eine Generationengerechtigkeit zu gewährleisten. Denn Generationengerechtigkeit bedeutet, dass die heutige Generation der nächsten die Möglichkeit gibt, sich ihre Bedürfnisse mindestens im gleichen Ausmaß wie die heutige Generation zu erfüllen. Dies ist nur möglich, wenn eine Generation ihre Kompetenzen und Erfolgsmerkmale an die nächste weitergibt. Dies wiederum ist nur möglich, wenn sozial erfolgreiche Lebewesen sich häufiger vermehren als andere.
Oben wurde bereits angemerkt, dass der Geburtenrückgang in Deutschland mengenmäßig in erster Linie auf das Verschwinden der Mehrkindfamilie zurückzuführen ist. Und in der Tat lässt sich sehr einfach zeigen: Eine bestandserhaltende Fertilität ist ohne einen nennenswerten Anteil an Mehrkindfamilien nicht möglich. Das Prinzip der natürlichen Selektion und die mit ihm verbundene Generationengerechtigkeit lässt dann aber schließen: Eine bestandserhaltende Fertilität ist ohne einen nennenswerten Anteil an Mehrkindfamilien in Schichten mit hohem sozioökonomischem Status bzw. Bildungsniveau nicht möglich. Konkret: Für jede kinderlose Alice Schwarzer, Angela Merkel oder Uschi Obermaier muss es jeweils eine Frau mit vergleichbaren Kompetenzen geben, die vier oder fünf Kinder in die Welt setzt und aufzieht, andernfalls ist eine bestandserhaltende Reproduktion nicht möglich.
Doch warum sollten entsprechend qualifizierte Frauen dies unter den Gesetzen der Geschlechtergleichberechtigung tun? Zu Zeiten des Patriarchats war dies kein Problem, denn da war die Rolle der Frau ja quasi mit Mutter und Hausfrau vorgegeben. Doch nun können Frauen in einem Beruf viel Geld verdienen, während sie sich als Mutter von vier oder fünf Kindern für eine längere Zeit von einem Ehemann (Phasenmodell) oder dem Sozialamt abhängig machen müssen. Mit anderen Worten: Es gibt für Frauen heute kein sinnvolles ökonomisches Modell für die Gründung einer größeren Familie, obwohl wir solche Familien dringend benötigen, denn ohne sie ist eine bestandserhaltende Reproduktion nicht möglich.
Für familienorientierte Frauen gelten somit die Errungenschaften der Emanzipation nicht. Dies ist sozusagen die Hauptsünde des Feminismus, denn dieser hat die Interessen familienorientierter Frauen sträflich ignoriert, und das sogar zum Teil ganz bewusst. Beispielsweise meinte Simone de Beauvoir in einem mit Betty Friedan im Jahr 1975 geführten Gespräch:
„No woman should be authorized to stay at home to raise her children. Society should be totally different. Women should not have that choice, precisely because if there is such a choice, too many women will make that one.“
Leider wird die öffentliche Debatte an dieser Stelle nicht fair geführt. Stets stehen kleinere Familien im Vordergrund (wie sie maximal in der Medienindustrie vorzufinden sind), stets wird über eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf diskutiert, während die Anforderungen der für unsere Gesellschaft so lebensnotwendigen größeren Familien ignoriert werden. Kein Wunder, dass es sie heute praktisch nicht mehr gibt.
Die Entwicklung unserer Gesellschaft hin zu einer Wissensgesellschaft und die Globalisierung sorgen für weitere Komplikationen. In Wissensgesellschaften ist die wichtigste Ressource das Humankapital, mit anderen Worten, der Mensch und seine Kompetenzen. Andere nennenswerte Rohstoffe wie z. B. Öl haben wir in Deutschland ohnehin nicht, wir haben im Wesentlichen nur „Dichter und Denker“. Genau diese Ressource wird aber seit Jahrzehnten nicht mehr ausreichend reproduziert, und zwar sowohl quantitativ wie qualitativ.
Durch die Globalisierung ist zwischen den Nationalstaaten eine Standortkonkurrenz entstanden, dies ist insbesondere eine unmittelbare Folge der Globalisierung der Arbeitsmärkte. Global operierende Unternehmen können es sich jetzt aussuchen, wo sie ihr „Humankapital“ rekrutieren. Sollte die Qualität des Humankapitals in Deutschland weiter nachlassen (Alterung, zu wenige Qualifikationen, kränklich etc.), werden die global operierenden Konzerne (inklusive solche mit deutschen Traditionsnamen wie Siemens, Volkswagen, Daimler, Deutsche Bank) ihre Standorte in andere Länder verlagern.
Doch was kann man tun?
Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass die üblichen familien- oder bevölkerungspolitischen Maßnahmen wie Kindergeld, Steuererleichterungen für Familien, Rentenmodifikationen, Elterngeld, Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Erziehungsgehalt für ein Problem dieser Größenordnung zu schwach sind, das Problem nicht treffen oder gar in die falsche Richtung wirken. Beispielsweise ist ein erhöhtes Kindergeld in erster Linie für sozial schwächere Familien interessant. Es dürfte deshalb keinen nennenswerten Fertilitätsanstieg in Schichten mit hohem Bildungsniveau bzw. sozioökonomischem Status bewirken. Mit anderen Worten: Es hätte eher eine Verstärkung der Verletzung des Prinzips der natürlichen Selektion (und damit der Generationengerechtigkeit) zur Konsequenz.
Rentenmodifikationen können sicherlich für eine Verbesserung der Altersversorgung von Eltern sorgen, allerdings dürfte kaum jemand Kinder allein wegen höheren Rentenansprüchen in die Welt setzen, insbesondere dann, wenn diese gleichzeitig mit einer signifikanten und dauerhaften Reduzierung des aktuellen Lebensstandards für sich und die Kinder verbunden sind.
Einzig Maßnahmen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf adressieren die Hauptursache des demographischen Wandels, die Emanzipation der Frauen, denn sie versuchen die Opportunitätskosten von Kindern für beruflich engagierte Frauen zu senken. Wie bereits erwähnt wurde, wird diesbezüglich jedoch eine unsachliche Diskussion geführt: Die Maßnahmen greifen – wenn überhaupt – in erster Linie für kleinere Familien. Für eine bestandserhaltende Reproduktion ist jedoch ein ausreichender Anteil an Mehrkindfamilien unerlässlich.
Der Soziologe Karl Otto Hondrich merkt zur Qualität der aktuellen familien- und bevölkerungspolitischen Maßnahmen an: „Die Dramatik und Tiefe des geweissagten Unheils stehen in seltsamem Widerspruch zu der Banalität der Maßnahmen, die ihnen wehren sollen. Gestritten wird über Kindergeld und Kinderkrippen, Ehegattensplitting und Erziehungsurlaub… Da werden die alten ideologischen Schlachten geschlagen gegen Rabenmütter und Übermütter. Hinter den Fronten aber herrscht Hilflosigkeit. So wenig man mit erhöhten Tabaksteuern aus Rauchern Nichtraucher macht, so wenig mit Geburtenförderungsprogrammen aus Nichteltern Eltern.“
Die Grundlage des Patriarchats war die prinzipielle Nichtkommerzialisierbarkeit von Familienarbeit. Dieser Umstand schnitt Frauen von einem eigenen Zugang zu den Ressourcen ab und begründete ganz wesentlich die Machtdifferenz zwischen Männern und Frauen. Mit der Aufkündigung des Patriarchats kann dies so nicht bleiben. Oder anders ausgedrückt: Unter den Gesetzen der Gleichberechtigung der Geschlechter muss es möglich sein, mit qualifizierter Familienarbeit Geld zu verdienen. Um es gleich vorweg zu sagen: Ein Erziehungsgehalt für alle Eltern hat damit rein gar nichts zu tun. Im Gegenteil, dies wäre sogar ausgesprochen ungerecht. Auch ein Schriftsteller kann für das unaufgeforderte Schreiben von Büchern kein Gehalt erwarten.
Doch bevor dieser Punkt weiter präzisiert wird, soll eine grundsätzliche Frage geklärt werden: Gemäß welchen übergeordneten Normen sollen sich die Menschen in Zukunft überhaupt vermehren? Etwa gemäß dem Prinzip „gehet hin und mehret euch“?
Tatsache ist: die Erde ist an die Grenzen ihrer Tragfähigkeit angelangt. Mehr Menschen passen einfach nicht mehr auf diesen Planeten. Soll sich unter diesen Umständen jeder Mensch nach Belieben vermehren können und sich auf der Erde „breit“ machen dürfen?
Nehmen wir einmal an, Ursula von der Leyen würde im Fernsehen einen öffentlichen Kniefall machen und die Bevölkerung um mehr Kinder bitten und diese würde auch entsprechend reagieren und in den nächsten Jahren pro Familie 5 Kinder in die Welt setzen. Wäre dies wünschenswert? Nein, dies wäre eher eine Katastrophe.
Bislang basiert die gesellschaftliche Reproduktion auf der unkoordinierten Entscheidung von Individuen. So, wie diese sich in ihrer Gesamtheit entscheiden, so wächst oder schrumpft eine Bevölkerung. Eine übergeordnete Koordination gibt es nicht. Es gibt folglich kein „demographisches Gleichgewicht“. Dies ist angesichts der Tatsache, dass der Mensch auf dem Mond war, Atomkraftwerke besitzt, Mittel zur Familienplanung einsetzt, die Abtreibung zulässt und den genetischen Code entschlüsselt hat, irritierend. Denn nichts könnte die Welt stärker befrieden als die Beherrschung der Bevölkerungsentwicklung. In den folgenden Absätzen wird gezeigt, wie das gehen könnte.
Dazu zunächst einige bedenkenswerte Zahlen.
Zu Christi Geburt lebten auf der Erde ca. 160 Millionen Menschen, heute sind es fast 6,7 Milliarden. Dies entspricht bei einer Generationendauer von 30 Jahren einer durchschnittlichen Fertilitätsrate von 2,22. Extrapoliert man dieses Wachstum für weitere 2.000 Jahre, dann würden im Jahr 4000 auf der Erde 264 Milliarden Menschen leben, bei einer Fertilitätsrate von 2,3 sogar drei Billionen. Dies sind alles völlig abwegige Zahlen.
Würde sich die Menschheit dagegen für die nächsten 2.000 Jahre mit der Fertilität der Schweden (1,66) vermehren, dann würde die Menschheit auf ca. 1.000 Individuen schrumpfen. Nimmt man dagegen die gefeierte Fertilität der Franzosen als Maßstab (1,84), dann blieben immerhin noch eine Million Individuen übrig, die aber in der Praxis auch nicht viel besser wären als 1.000. Mit deutschen Fertilitätsraten wäre die Menschheit zum gleichen Zeitpunkt natürlich längst ausgestorben.
Doch betrachten wir einmal nur die nächsten 100 Jahre. Bleibt die deutsche Fertilitätsrate bis dahin unverändert, dann würde die deutsche Bevölkerung bei ausgeglichener Zu- und Abwanderung von jetzt 82 Millionen auf dann 20 Millionen Menschen schrumpfen. Der Jemen hat zurzeit eine Fertilitätsrate von 6,6. Bliebe diese unverändert, dann lebten um 2100 im Jemen ca. eine Milliarde Menschen. Die Demokratische Republik Kongo würde im gleichen Zeitraum von 62 Millionen auf 2,6 Milliarden Menschen anwachsen.
Oder betrachten wir einmal eine bekannte Konfliktzone. Israel hat heute 6,6 Millionen Einwohner. Bei unveränderter Fertilität würden sich diese bis zum Jahr 2100 auf ca. 10 Millionen vermehren, wobei hier nicht weiter untersucht werden soll, welcher Bevölkerungsteil dafür maßgeblich verantwortlich ist. Die Bevölkerung des Irak würde im gleichen Zeitraum von 27 Millionen auf 270 Millionen Menschen anwachsen. Es sollte klar sein, dass all dies auf Dauer nicht gut gehen kann und natürlich den Weltfrieden massiv bedrohen wird. Die Welt hat keine freien Ressourcen mehr für beliebige individuelle Freiheiten in der Nachwuchsfrage. Aus sozialen und ökologischen Gründen dürfte deshalb eine andere Vorgehensweise von Vorteil sein.
Es wird deshalb die folgende modifizierte „verantwortete Elternschaft“ vorgeschlagen:
Jedem steht es in unserer Gesellschaft frei, Kinder in die Welt setzen. Doch bitte beachten Sie: Die Welt ist bereits überbevölkert und hat ihre maximale Tragekapazität erreicht. Ein unkontrollierter Bevölkerungszuwachs sollte deshalb unbedingt vermieden werden. Beschränken Sie sich nach Möglichkeit auf maximal zwei Kinder pro Paar. Der Staat wird Maßnahmen ergreifen und fördern, die für eine möglichst optimale Vereinbarkeit einer kleineren Familie mit bis zu zwei Kindern mit einem Beruf sorgen werden. Auch wird für solche Familien für einen relativ fairen Familienlastenausgleich gesorgt werden.
Allerdings ist die Gesellschaft auf eine insgesamt bestandserhaltende Reproduktion angewiesen. Wenn viele Menschen kinderlos bleiben, kann eine solche nicht gewährleistet werden. Deshalb ist es in unserer Gesellschaft zusätzlich Ihre Aufgabe, als Paar zwei Kinder aufzuziehen, als Einzelperson ein Kind. Damit leisten Sie Ihren Beitrag zu einer bestandserhaltenden gesellschaftlichen Reproduktion. Sie müssen das aber nicht selbst tun, sondern Sie können die Aufgabe zum Teil oder in Gänze anderen Fachleuten überlassen. Dafür müssen Sie dann aber regelmäßig einen bestimmten Betrag abführen, damit diese das auch in der entsprechenden Qualität für Sie tun können.
Die Vorgehensweise wäre dann wie folgt:
Familien beschränken sich üblicherweise auf maximal 2 Kinder. Wer mehr Kinder haben möchte, trägt dafür weitestgehend die eigene Verantwortung. Es gibt für diese weiteren Kinder normalerweise (Ausnahmen bestätigen die Regel) keine familienpolitischen Zuwendungen und Steuererleichterungen (damit sind keine schon existierenden Familien gemeint) mehr. Sozialfälle werden aber wie bisher unterstützt.
Einzelpersonen oder Familien, die zu wenige Kinder aufziehen, müssten im Gegenzug eine „Patenschaftssteuer“, zum Beispiel gemäß dem deutschen Unterhaltsrecht und ab dem 35. Lebensjahr, abführen.
Mit den zusätzlichen steuerlichen Einnahmen könnte dann der neue Beruf „Familienmanagerin“ finanziert werden, der es entsprechend qualifizierten Frauen oder auch Männern erlaubt, aus Familienarbeit und pro aufgezogenes Kind ein Einkommen zu generieren. Vereinfacht ausgedrückt handelt es sich bei den Familienmanagerinnen um staatlich angestellte qualifizierte Tag-und-Nacht-Mütter, die in erster Linie für das Aufziehen ihrer eigenen leiblichen oder adoptierten Kinder bezahlt werden. Es werden entsprechende Beiträge zur Rentenversicherung abgeführt. Das Gehalt sollte so gewählt werden, dass die Familie spätestens ab dem dritten Kind notfalls auch alleinerziehend ökonomisch selbständig ist.
Dafür wird ein Leistungsbetrag pro Kind über einen längeren Zeitraum (zum Beispiel 20 Jahre) gezahlt. Danach besitzt die Familienmanagerin eine Übernahmegarantie in andere Berufe, zum Beispiel im öffentlichen Dienst (Lehrerin, Erzieherin, Verwaltung etc.) oder bei kooperierenden Unternehmen, die damit werben dürfen. Alternativ kann sich die Familienmanagerin entscheiden, adoptierte Kinder großzuziehen, dafür würde erneut der Leistungsbetrag ausgeschüttet.
Der heute üblicherweise fehlende Einkommens- und Sicherheitsnutzen von Kindern begründet auch die Berechtigung für die Kommerzialisierbarkeit des Aufziehens eigener Kinder in einer sonst arbeitsteiligen Welt: Eine Familienmanagerin zieht im Rahmen der Erziehungsarbeit einen Konsumnutzen aus ihren Kindern, ähnlich wie andere Berufstätige eine Befriedigung aus ihrer Arbeit erhalten. Gleichzeitig erzielt sie ein Einkommen aufgrund der geleisteten professionellen Arbeit. Das schließlich nach ca. 20 Jahren der Gesellschaft übergebene Endprodukt („der erzogene und gebildete erwachsene Mensch“) gehört aber nicht länger ihr, so dass sie aus der Elternbeziehung keinen direkten Vorteil schlagen kann. Es gibt also keinen unmittelbaren Grund, warum eine akademisch ausgebildete Erzieherin für das Betreuen fremder Kinder ein Einkommen erzielen kann, für das Aufziehen ihrer eigenen Kinder aber nicht. Durch den neuen Familienberuf kann ein unnötiger Muttertausch vermieden werden.
Neben ihrer Hauptaufgabe könnten die Familienmanagerinnen Dienstleistungen für andere Eltern (z. B. Tagesmütter-Dienste) anbieten. Dabei könnten sie Leistungen offerieren, die weit über den heutigen Standard hinausgehen. Dies gilt insbesondere für Zeiträume, in denen sie selbst nur wenige eigene Kinder haben.
Im Falle einer Scheidung entfallen Unterhaltszahlungen, da die Familienmanagerin ein ausreichendes Einkommen für sich und die Kinder erzielt.
Für die Familienmanagerinnen sind alle in unserer Gesellschaft bestehenden ökonomischen Faktoren zur Begrenzung der Familiengröße außer Kraft gesetzt. Es kann deshalb eine Tendenz zu relativ großen Familienstärken (zum Beispiel vier bis sieben Kinder) prognostiziert werden. Bei den Familienmanager-Familien handelt es sich um Familien, bei denen größere Familienstärken ausdrücklich erwünscht sind.
Dem Staat käme unter anderem die Aufgabe der Kapazitätsplanung zu: Werden bereits ausreichend viele Kinder von anderen Familien in die Welt gesetzt, würde der Staat bis auf weiteres keine neuen Familienmanagerinnen-Stellen schaffen. Werden deutlich zu wenige Kinder in die Welt gesetzt, dann dürften auch die Einnahmen der Patenschaftssteuern ansteigen. Es könnten dann neue Familienmanagerinnen-Stellen ausgeschrieben werden. Auf diese Weise entsteht ein natürliches und sich selbst steuerndes Mittel der Bevölkerungsplanung.
Es wurde bereits erwähnt, dass sich eine signifikante Anhebung der Fertilitätsraten in erster Linie durch eine Förderung von Mehrkindfamilien erzielen lässt. Diese Tatsache wird umso bedeutender, je geringer die Anzahl der gebärfähigen Frauen in der Zukunft wird. Es wurde deshalb von einigen Autoren (z. B. Schirrmacher) bereits behauptet, in Zukunft müsse es zu einer stärkeren Spezialisierung im Rahmen der gesellschaftlichen Reproduktion kommen.
Eine solche Spezialisierung scheint aber auch eine Anforderung von Wissensgesellschaften zu sein. Da die Reproduktion und Mehrung des Humanvermögens in Wissensgesellschaften zu einem entscheidenden Standortvorteil generiert, steigen automatisch auch die beim Aufziehen von Kindern erforderlichen Qualifikationen, speziell dann, wenn es um die Erziehungsarbeit in größeren Familien geht.
Außerdem würden die Kinder professioneller Mütter/Väter mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr liebevoll aufgezogen werden. Die Eltern sind auf die Aufgabe des Erziehens fokussiert, es liegen hervorragende Bildungsvoraussetzungen vor und eine optimale Förderung aller Kinder kann praktisch garantiert werden. Schwangerschaften könnten mit weniger Stress durchlebt werden. Ferner könnten bei den Kindern frühzeitig friedfertige, solidarische, gesundheitsbewusste und ökologische Verhaltensweisen eingeübt werden. Genau diese Effekte dürfen aber auch erwartet werden, wenn eine Aufgabe, für die üblicherweise keinerlei Voraussetzungen erforderlich sind, professionalisiert wird (ähnlich wie dies in der Medizin geschehen ist).
Der Familienmanagerinnen-Beruf könnte gleich auf mehrere Weisen für mehr Generationengerechtigkeit sorgen, insbesondere da er entscheidend zur Sicherstellung einer quantitativ und qualitativ bestandserhaltenden gesellschaftlichen Reproduktion beiträgt.
Es kann gezeigt werden, dass die gesellschaftliche Reproduktion damit auch unter den Bedingungen der Geschlechtergleichstellung und eines leistungsfähigen Sozialstaates wieder in ein der natürlichen Selektion der Evolution vergleichbares Verhalten zurückgeführt werden kann.
Dauerhaft überbestandserhaltende Fertilitätsraten führen zu exponentiellem Bevölkerungswachstum, nichtbestandserhaltende Werte zu exponentieller Bevölkerungsschrumpfung, in beiden Fällen also langfristig zur Katastrophe. Entwicklungsländer haben ohne die allgemeine Verfügbarkeit von leistungsfähigen Kontrazeptiva und ohne eine ausreichende Schulbildung von Frauen meist deutlich überbestandserhaltende Fertilitätsraten, entwickelte Länder hingegen deutlich nichtbestandserhaltende.
In Zukunft wird die Beherrschung des Bevölkerungswachstums (ähnlich der Kontrolle des Kohlendioxid-Ausstoßes) schon aus sozialen und ökologischen Gründen zu den unerlässlichen Kompetenzen der Menschheit zählen müssen. Die zu niedrigen Geburtenraten der entwickelten Nationen sind dafür von Vorteil, denn das gerade beschriebene Verfahren erlaubt die zielgenaue Erhöhung von Geburtenzahlen, d. h. letztendlich eine präzise und ggf. abgestimmte Bevölkerungsplanung, und zwar ohne dabei in Persönlichkeitsrechte einzugreifen. Dies ist mit keiner anderen bislang vorgeschlagenen bevölkerungspolitischen Maßnahme möglich. Insgesamt dürfte das Familienmanager-Konzept in der Lage sein, das demographische Problem der entwickelten Gesellschaften sowohl quantitativ als auch qualitativ zu lösen.
von: Peter Mersch, 17.12.2006
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Sonntag, 05. September 2010 |

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